Donnerstag, 26. November 2009

walking in guilin & guandong - ein-haus-doerfer und hochzeitshoelle in fujian - statt yunnan: auf dem mekong ins gelobte land

nein, die chinesische zensurpolizei hat mich nicht entfernt - statt dessen war ich unbehelligt fuenf tage teil einer hoechst eigenwilligen internationalen gratisgruppenreise zur bewerbung des volkssports in china. oder zur bewerbung zweier 2b-tourist-destinations. oder fuer irgendetwas anderes ... so ganz klar ist mir das immer noch nicht.


jedenfalls war es GROSS. weil jemand es gross haben wollte. und wenn in china jemand mit einfluss etwas gross haben will, dann wird es eben gross gemacht: dann laed man 15 diplomaten aus beijing, 15 chinesische wanderer, 15 zufaellige backpacker und 15 reisefuehrer / sicherheitsbeamte in zwei busse, spuckt sie im regen am haupt- und paradeplatz aus, haengt ein grossplakat auf, zuendet ein papierschnitzelfeuerwerk, laesst einen trupp minority-funkenmariechen samt blaskapelle aufmarschieren und dazu alle sportvereine der stadt spalier stehen, schwingt wichtige oder unwichtige reden - und schon hat man eine tolle erfolgsmeldung samt pressematerial, das in der kontrollierten presse ja auch garantiert gross gebracht wird. weil jemand will, dass es gross wird. punktum.

so fing es an, und wir "aliens" (das ist der hier korrekte fachterminus fuer auslaender - auch beim amt fuer visafragen) waren amuesiert und ein bisschen in sorge. vom nepalesischen botschafter, dem zauberhaften mr. karki, und einigen irritierten botschaftsmitarbeitern aus litauen, rumanien, der tuerkei oder afghanistan, ueber den ehrenpraesident der internationalen volkssport-verbands, mr. volkmer aus grossmehring (jemand schon mal von dem verband gehoert? nein? komisch...) , drei japanischen nordic walking trainern - bis zu einer handvoll backpacker, die china-climb geschaeftsfuehrer dave binnen 5 tagen zu rekrutieren gebeten wurde. ("wenn sie uns diesen gefallen tun, loesen wir ihre probleme mit der chinesischen tourismusbhoerde. ach, sie haben keine probleme mit der chinesischen tourismusbehoerde? jaaaa... wenn sie mit uns zusammenarbeiten, haben sie auch im naechsten jahr keine probleme!" - das ergebnis waren eine handvoll touristen, freunde von dave und mitarbeiter, die neu waren oder seiner ansicht nach bestraft werden mussten)

dann wurden wir wieder in die busse geladen und mit polizei-eskorte samt blaulicht durch den regen in die berge gefahren. wo wir im dorf der langhaar-frauen, das fuer unsere internationale delegation 3 stunden gesperrt wurde, einer wirklich grueseligen touristenshow beiwohnten (die nur dadurch ertraeglich wurde, dass dave sich bei einer fake-hochzeitszeremonie schoen oeffentlich blamieren musste. der typ ist ein ausgewiesener chauvinist und ruepel, der wohl aufgrund fehlender manieren gezwungen ist, im ausland zu leben - ich hoffe, in seiner heimat wuerde er von mitarbeiterinnen am laufenden band verklagt werden. es gibt so einen typ expat in asien, der gehoert gesprengt...)

im anschluss kletterten wir im stroemenden regen die weltberuehmten dargon's backbone reis-terassen hoch zu einem gasthaus, in dem anschliessend feste gefeiert wurde - davon keine beweisfotos aus ruecksicht auf zarte seelen und unser aller ruf.
als wir am naechsten morgen die noch benebelten koepfe aus dem fenster steckten, war da: noch mehr nebel. neiin!

weswegen wir die eigentliche attraktion: die aussicht leider verpasst haben, denn wir mussten schnellschnell wieder den berg runter und zum naechsten highlight. wie schade.

dafuer wurden wir nachmittags mit einer wunderschoenen wanderung mit kleinen bootspassagen entlang des li-rivers in yangshuo entlohnt - das war sehr launig, zumal wir uns (als sportliche herusfoerderung) groesste muehe gegeben haben, die security-hiker zur verzweiflung zu bringen.

einer mit fahne haette vorne laufen sollen, wurde aber staendig von denise und den jungs ueberholt - der mit funkgeraet in der mitte bekam anfaelle, weil mein neuer nepalesischer freund mr. karki und ich immer ausbuechsten, um uns china abseits des wanderwegs anzugucken. und der mit fahne hinten verzweifelte, weil das diplomatenpaearchen aus der turkei auf eigene faust lieber im boot fuhr und er nicht wusste, wo den nun das offizielle hinten war.

begleitet wurde all das von einem bambusfloss mit pressefotografen - doch auch die haben kein komplettes gruppenfoto zustande gebracht.

das versprochene abendprogramm in yangshuu (noch eine show) fiel qua regen gluecklicherweise aus, und musste der arme dave seine und china-climbs hilfe anbieten. und wir alle haben pflichtschuldig nach allerfeinstem abendessen im besten restaurant der stadt auf seine kosten auch noch die bar der lizard lounge niedergekaempft. wandern ist ziemlich ungesund, vor allem fuer die leber. zum glueck konnten wir den kater am naechsten tag wahrend einer 12 stuendigen busfahrt ans gefuehlt andere ende chinas auskurieren - nach zhaoqing. oha! da war ich doch schonmal - wegen der bagua-feng-shui-doerfer! naechster anlauf...

der bus fuhr abends, nach unendlicher fahrt, an einem ueberdimonsionierter luxus-bunker vor, nach chinesischer lesart mit sieben sternen gesegnet. wir haben darauf gehofft, dass die gesamte delegation dort essen darf, und nicht nur die echten vips - und dann durften wir nach einem wirklich fulminanten buffet tatsaechlich alle einchecken.

heiteres ferienlager - und unglaeubiges staunen: wir haben im badezimmer zwei (!) fernseher, einen vor der toilette und einen ueber der badewanne. meine zimmergenossin tamy und ich steigen gleich mal die schicken hoteleigenen (und schoen zuechtigen) haiwaihemd-schlafanzug-badeanzuege und tanzen durch unsere 50 qm suite. und schleichen um mitternacht statt an die bar noch in die wellness-tempel - aber das schaffte meine kamera nicht, schaut statt dessen die webseite mit den kunstvoll hinein-gephotoshopten touristen an.

kitsch kann soooo schoen sein! spritzbetongrotten, plastikpflanzen, pools in unterschiedlichsten temperaturen von lauwarm bis siedend und plaerrende klavierversionen von chinesischen klassikern. sensationell...


der wirkliche wahnsinn aber erwartete uns am tag drauf: auf dem hauptplatzt 20.000 menschen, und einige unserer delegartion mussten fahnentragend auf die buehne - dort boten opernsaenger den eigens komponierten song zur veranstaltung dar, es gab tanz, feuerwerk, noch mehr reden - und im anschluss den "volksmarch" rund um den starlake:

40.000 menschen schieben sich einmal um den see.... wandern im stau scheint beliebt zu sein.
oder vielleicht wollte auch nur jemand die veranstaltung ganz gross haben - wer weiss das schon?
bemerkenswert war , wie wir billig gekoederten jubelperser dann doch alle ein sehr euphorisches grinsen im gesicht hatten und uns sehr vip fuehlten. oder lag es an der euphorie der massen?
meine wuensche nach kulinarischer begleitung jedenfalls wurden vom universum erhoert - zum abschluss gab es noch ein sehr chinesisches mittagsbankett mit 800 ehrengaesten und ballet im hintergrund. jetzt reichts aber auch.

nach einem weiteren feinen essen im hotel und dann endlich ohne wachmannschaft verbrachten wir jubelperser den letzten abend ratschend in den zahlreichen pools, mit in colaflaschen eingeschmuggelten cuba-libre. die hotelbar war aber auch wirklich zu teuer fuer uns schnorrer.
und - puff! - am naechsten morgen ist die klassenfahrt vorbei.
komisches gefuehl, ploetzlich wieder alleine zu reisen - die meisten fahren noch gemeinsam nach yangshuo zurueck, aber ich gebe den bagua-doerfern noch einen versuch, bevor ich weiterreise.


aber erstmal gehts sonntag morgens um 8 ins theater!

die uebersetzer vom vortag (die hatte ich ja noch gar nicht erwaehnt - jeder hatte einen eigenen uebersetzter!) , allesamt englisch studenten, haben mich eingeladen, ihre pronounciation-klasse zu besuchen: zu uebungszwecken werden filme oder theaterstucke in selbstverfassten kurzfassungen dargeboten - unter anderem king lear in 3 minuten, zwei fassungen von cinderella, und eine wirklich sehr sehr lustige titanic-auffuehrung.
im anschluss bekomme ich noch eine fuehrung ueber den campus (hier wohnt man im studentenwohnheim zu viert auf 8 qm...) und in die mensa.

und die maedels geben sich alle muehe, mir einen ausflug in diese vermaledeiten doerfer zu ermoeglichen - doch als wir dann einen taxifahrer haben, der angeblich weiss wo es ist, faengt es in stroemen zu regnen an - und ich beschliesse, den ausflug zu verschieben, jetzt hab ich ja die telefonnummer des taxlers.

aber aufgeschoben ist auf dieser reise aufgehoben - denn als ich nachmittags im luxusbunker meine weiterreise plane und die wettervorhersage pruefe, wird klar, dass ich mir landpartien wegen typhoon erstmal schenken kann ... sollte wohl nicht sein.

die kaltwetterfront erwischt suedchina, und die naechsten tage wird mit nassen fuessen gefroren was das zeug haelt - ich verkrieche mich in guangzhou in der jugendherberge (ungeheizt), und versuche plaene zu schmieden, die wintertauglich sind und denke schon ueber flucht nach thailand nach. aber so schnell gebe ich doch nicht auf, und so toure ich zuerst noch durch guangzhou, das mit mit jedem mal besser gefaellt, besuche museen und entdecke ding yanyong , der die klassische kunst der blumen und voegel-kalligrafie mit grossem humor variiert - und einen sehr traurigen karrikaturisten namens liao bingxiong .
die weitereise fuehrt nach yongding ins land der hakka, wo frueher ganze clans in einem grossen runden haus mit bis zu 200 kleinen zimmerchen lebten (diese tuluos stehen heute leider meist leer - oder beherbergen ramschmaerkte fuer touristen) .

hier miete ich mir einen motorradfahrer, ein cooler hund von ca 50 jahren, der mich durch die landschaft und zu allen sehenswuerdigen tuluos kurvt - es ist klirrkalt, aber wunderschoen.

zum aufwaermen kann man sich ja eine teezeremonie aufschwatzen lassen. da gibt es dann (zumindest bis zum dritten aufguss eklige) gruenetee-bruehe aus puppenstubenstassen, wo man doch eigentlich die haende an lieber an der kanne waermen wuerde...

und dann habe ich erkannt, was hier auf grossen matten in der sonne ausser gruentee und obst gerade noch getrocknet wird: malven! die tee-rettung. meine spontane begeisterung wird mit einer gratisprobe belohnt, die dann abends in meiner hotelzimmerthermoskanne landet - dem einzig warmen in diesem zimmer ohne strom. morgens: frost.

zurueck an der kueste ist es zumindest wieder herbstlich. ich quartiere mich auf einer kleinen insel vor xiamen ein, auf der alte botschaftsgebaeude malerisch vor sich hinmodern - und lande in der hochzeitshoelle:

gulan yu ist das traumziel aller chinesischer hochzeitsfotografen, und so stauen sich vor treppen, toren und efeu-ueberwucherten mauern, vor felsen und am strand und ueberhaupt ueberall auf der insel die aufgetakelten brautpaare.

samt stylist, fotograf und beleuchter und mindestens vier verschiedenen miet-roben (neben weiss gerne einmal chinesisch, ballkleid und casual) warten sie geduldig, bis sie an der reihe sind mit der ganz und gar nicht individuellen inszenierung ihres gluecks.

und zwischen den brautpaaren schieben sich busladunsgweise chinesische tagestouristen hindurch, die europaeische architektur vor der haustuer geniessen. hilfe!!
leider ist meine weiterreise nach kunming schon gebucht und erst in zwei tagen - und so vertreibe ich mir die zeit mit kulinarischen erkundungen. trockenfisch ist mein fall nicht, aber hier gibt es ziemlich gutes trockenfleisch in unzaehligen gewuerzrichtungen, und das chinesische beef jerkey ist schon seit der mongolei mein lieblingssnack.

zwei studentinnen aus xiamen, die ich beim fotografieren kennenlernen, ueberreden mich zu kaffee & kuchen im ehemaligen deutschen konsulat - sie verpflichten mich als sprachlehrerin fuer den nachmittag und zahlen in original deutschem kaesekuchen, der serviert wird mit einem huebschen straeusschen petersilie.
lecker... langsam wirds zeit, nach hause zu kommen.

gekroent wird die voellerei mit einem abendessen in begleitung von paul newman, der unter tarnidentitaet reist.
octopus-sashimi. lecker.

weiter geht es ueber kunming, wo es kalt ist, nach jinghong, wo ich eigentlich wandern gehen will - aber dann so muede vom reisen und angucken, so muede von china bin, dass ich spontan alles umwerfe:

als ich sehe, dass es eine faehre nach thailand gibt, die einen tag lang den mekong entlang faehrt zwischen laos und myanmar hindurch, kaufe ich ein ticket - ausreisen muss ich eh nochmal oder hier versuchen, das visum zu verlaengern. und thailand leuchtet hinter den bergen wie das gelobte land ...

kaum bin ich auf dem schiff (und offiziell ausgereist) fuehle ich mich ploetzlich wieder pudelwohl.

aber china macht mir noch ein abschiedsgeschenk: mit mir auf der faehre ist die jahrestagung der leitenden redaktuere der groessten tageszeitung in kunming, und die sind sehr nett und sehr klug. wir haben viel zum reden - ueber die zukunft von journalismus, die zukunft von print, mediennutzung, medienpolitik, ... bin ganz beglueckt ueber diese bekanntschaft.
vor allem ueber wendy, die natuerlich eigentlich ganz anders heisst, sich aber wie alle chinesen einen englischtauglichen kampfnamen gewaehlt hat.
diese sitte habe ich uebrigens auch eingefuehrt. da andrea nur als an-de-lei-ya funktioniert und damit zwei silben zu lang fuer einen guten chinesischen vornamen ist, erlaube ich erstmalig in meinem leben abkuerzungen. naemlich: an Das bedeutet ruhig, friedlich, gesund und ist ein nachname. dann koenne sie mich an nueshi nennen, frau an.
seither geniesse ich thaifood, massagen und die sanfte stille in tempeln. thailand fuehlt sich jedesmal ein bisserl an wie nach hause kommen ... jetzt werde ich im sueden noch eine woche in ein yoga-retreat gehen und dann jared in bangkok besuchen - und dann .. dann gehts langsam wirklich zurueck nach deutschland.
freu mich schon - bis bald!
ps: (hoechste zeit fuer ein ps!)
das mit den namen hat mich natuerlich nicht losgelassen - wenn hier jemand mandarin kann und anmerkungen hat: herbei!
"fei" und "sha" sind zum glueck echte familiennamen, die "Kosten" und "Sand" bedeuten (aber klingen wie "kakerlake toetet" - hier sieht man meine mitbewohner aus beijing vor lachen umgefallen)
an-de-lei-ya kann aber so ziemlich alles bedeuten, zum beispiel
"Die Akte gewinnt erschoepft zweitplatziert" oder "Der Wall des Ufers drueckt"....
am besten aber gefaellt es mir so:

Fèi-Shā Ān-dé-lěi-Yà
费 沙 安 得 累亚
und das bedeutet etwas holprig:
Fischer An erreicht immerwieder Asien

jawoll.

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